Mittwoch, 15. Mai 2013

Bidenhänder!

"Mit schweren, beidhändig geführten Schlägen drosch das Mädchen auf den wehrlosen Haufen ein. Ihre kleinen Fäuste waren geradezu verbissen um das Heft des zweihändigen Schlegels gekrallt und die Wucht ihrer Hiebe schlug das schmutzige Bündel so heftig, dass sie in der sommerlichen Hitze schwitzte. Was für ein Abschaum! Dieser Schmutz musste für immer hinfort und nur die Kraft ihrer schmalen Schultern stand jetzt noch zwischen der seeligen Reinheit und dem Unrat."

Ach, ich mag reißerische Texte! Vor allem wenn sie klingen als seien sie einem dieser wunderbaren historischen Romane entnommen die in ungezählter Vielfalt den Büchermarkt überschwemmen. Vielleicht sollte ich auch so einen schreiben? Würde ich den obigen Text als Einleitung nehmen könnte man dann mit einem Titel wie "Brüste des Zorns" oder "Amazone des Herzogs" liebäugeln!

Naja, in diesem Fall ist aber wohl eher "Wilde Wut des Waschtags" oder "Die Rache der Wäscherin" angebracht, denn trotz der (in meinen Augen recht spektakulären) Einleitung geht es wieder mal nicht um Sex und Gewalt sondern um ... Schmutzwäsche! Und nein, nicht zweideutig oder als blumige Umschreibung für pikante Skandale der Hochgotik, sondern tatsächlich um schmutzige Textilien.

Die Mädels der Wienischen Hantwërcliute 1350 haben sich kürzlich mit der Thematik befasst und da wir immer noch eine, in dieser Szene geradezu wunderlich wunderbare, Kooperationsbereitschaft untereinander haben, habe ich mich natürlich gerne bereit erklärt ein solches Projekt mit Tat zu unterstützen. Mit Rat war nämlich nicht mehr viel an Unterstützung zu leisten, bei Recherchen nehmen die Damen es nämlich recht genau.

Nun aber zum Wesentlichen, dem Objekt weiblicher Begierde, dem Gegenstand der Einleitung und dem letzten Produkt meiner Handwerkskunst .. dem Wäschepleuel:



Als Vorlage für dieses Waschutensil diente mir eine Abbildung aus der Holkham Bible, einer fein illustrierten Handschrift aus dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts die viele wunderbare Details zu Alltagsgegenständen und täglichen Verrichtungen der Hochgotik zu bieten hat. Unter anderem eben auch dieses Bild:

The Holkham Bible (http://posner.library.cmu.edu/Posner/)

Interessant erschien mir dabei die Tatsache, dass der Griff des Prügels tatsächlich lang genug ist um mit beiden Händen gehalten zu werden, etwas das sich auch vereinzelt auf deutlich späteren Abbildungen des Wäschewaschens wiederfindet. Entsprechend der Form dieser Buchmalerei habe ich auch das Pleuel für Handwerksmädels dimensioniert. Das Bild unten zeigt als Grössenvergleich noch meine Hand um das Heft:


Als Material dient hier gut abgelagertes Buchenholz, hauptsächlich deshalb, weil es gerade in meinem Keller verfügbar war und als hartes Laubholz auch relativ schwer ist.

Jetzt bin ich schon sehr gespannt wie sich das gute Stück im Einsatz bewährt und hoffe mal auf einen feinen Erfahrungsbericht auf dem "Schwester"blog der Wienischen Hantwërcliute 1350 nach deren Einsatz auf der Bachritterburg im Sommer gemeinsam mit Forachheim, an dieser Stelle auch gleich liebe Grüße an die Adresse!

Montag, 25. März 2013

Fundstück der Woche XIII

Einen schönen Winter wünsche ich all meinen Lesern! Ist das Wetter nicht herrlich? Ich für meinen Teil könnte mich bei dieser Witterung vor negativer Begeisterung (das wäre dann wohl Entgeisterung) förmlich in allen Regenbogenfarben übergeben.

Nichtsdestotrotz gibt es mal wieder ein Fundstück der Woche, diesmal in Form eines Glasfensters aus der Leechkirche in Graz. Leider liegt mir das Fenster nur als Bild in Graustufen vor, sollte also jemand aus Graz das hier lesen und die Gelegenheit haben das gute Stück vor Ort in Farbe abzulichten wär ich sehr dankbar!

Glasfenster mit Deutschorensritter, Ende 13. Jhdt.
Was begeistert nun aber auf dem Bild? Nun, für mich ist es die früheste Abbildung eines Paternosters mit Gliederung durch große Perlen und einem Abschluss mit Quaste! Und das Ganze eben schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts.

Ich bin ja schon in dem Artikel auf die Seltenheit von Paternosterkettenabbildungen eingegangen, deshalb spar ich mir eine Redundanz.

Mein Dank gilt jedenfalls dem namenlosen Ordensritter der so geduldig für dieses wunderbare Glasmalerei Portrait gestanden hat und dabei nicht auf seine Gebetskette verzichten wollte!

Dienstag, 5. März 2013

Ein ziemlich dickes Ding

Kaum habe ich ihn geschrieben, stelle ich auch schon mal fest, dass mir der Beitragstitel jetzt möglicherweise ein paar Besucher mehr einbringen wird! Allerdings kommen die aber vielleicht aus einer Ecke wo ich mich nur mit einer intakten Desinfektionsdusche hin begeben würde. Es sei also klar gestellt, es geht in diesem Artikel um ein Messer, ein dickes, schweres, glänzendes Stück Metall! Punkt!

Mein wunderbarer Nachbar hat das Stück letztens von irgendwo auf seinem Dachboden hervorgeschleppt und weil ich in letzter Zeit immer wieder mal durch mein Faksimile des Tacuinum Sanitatis blättere wurde mir das Potential des guten Stückes natürlich bewusst. Obwohl, eigentlich ist dieses Bewusstwerden auch schon wieder ein Zeiterl her, das gute Stück lag nämlich unbeheftet einige Zeit herum bevor ich es gestern zur Hand nahm um ihm den nötigen Schliff zu verpassen.


 

Die Klingenform entspricht wunderbar der immer wieder bei Schlachterszenen erkennbaren schweren Fleischermessern (so wie auf dem unteren Bild, wo es dem armen Kamel an den Kragen geht) und nur das Heft war in der Form ein wenig anzupassen und mit historischen Mitteln aufzubauen.


Und jetzt nur noch das versprochene Bild von dem todgeweihten Dromedar auf Italienreise, dann seit ihr mich für heute auch schon wieder los. Bis zum nächsten Mal!




Sonntag, 24. Februar 2013

Das nenn ich gute Nachbarschaft ...

Zu erst einmal, ich lebe sehr gerne in Mauer! Es ist irgendwie ein bisserl wie am Land zu leben, nur halt mit den Annehmlichkeiten der Stadt, eine für mich gelungene Kombination.

Was aber die im Titel angesprochene Nachbarschaft angeht, könnte ich zufriedener nicht sein! Warum? Das zeigen dann hoffentlich die folgenden Bilder. 

Unsere lieben Nachbarn wandelten sich nämlich über die Jahre hinweg von einer Grüßbekanntschaft zu einer Schwimmteichbadegesellschaft, von da dann zu einer herrlichen Freundschaft, um zuletzt, gewissermaßen als Sahnehäubchen, auch noch in einer Darstellungspartnerschaft zu enden. 

So kam es also, dass aus Karl, Doris und Elias aus der Nachbarschaft der Schuhmacher-Karl und seine Familie wurde, und was mit den üblichen, auch von mir herstellbaren, ledersockenartigen Fußetuis begann, wurde zu einer fundliteraturbegeisterten Rekonstruktionsmanie im Wendeschuhbereich. Und die ersten wunderbaren Ergebnisse landen jetzt in Form eines Schuhpaarartikels hier im Blog:


Die Vorlage für dieses Paar ist der bei den Ausgrabungen in Schleswig gefundene Halbschuh der Form C (C. Schnack, Die mittelalterlichen Schuhe aus Schleswig, Taf.22, Nr.1380).

Die Sohle ist aus vegetabil gegerbten Rindsleder mit einer Stärke von 3.2mm, das Oberleder ist, ebenfalls pflanzengegerbter, Rinderhals und hat eine Stärke von 2mm. 

Der Schuh weist alle charakteristischen Elemente eines hochgotischen Schuhs auf, er ist wendegenäht, hat einen Dichtrand und eine Fersenverstärkung eingearbeitet, die an der Fußinnenseite liegende Schnürung ist im Oberleder ebenfalls verstärkt und der Schuh besitzt eine Schaftrandeinfassung.

Detail der Fersenverstärkung, seitlichen Verstärkung
und der Schaftrandeinfassung
Das Besondere an der Wendeschuhtechnik ist die Tatsache, dass kein Nahtmaterial an der Außenseite des Schuhs zu liegen kommt und somit die Nähte vor mechanischen Einflüssen von Außen geschützt sind.

Detail des Schuhinneren mit den Nahtverläufen
Schön, oder? Also ich persönlich entdecke ja bei Rekonstruktionen immer meine weibliche Seite .. ich habe nämlich scheinbar einen Schuhtick. War das jetzt sexistisch? Wenn ja, mögen alle hiermit gegenderten XX-Chromosomiten sich nun verentschuldigt fühlen!

Noch ein Abschlussapplaus für Karl den Schuhmacher .. und guten Abend!

Aufgelesen - Die Geschichte Wiens: Reinhard Pohanka





Beschäftigt man sich mit der Geschichte Österreichs und speziell auch Wiens im Mittelalter, sind einem manche Namen natürlich bald sehr geläufig. 

Einer davon ist Reinhard Pohanka. Geboren 1954 in Wien, studierte er Klassische Archäologie und Alte Geschichte, um 1981 zu promovieren. Kurator für mittelalterliche Geschichte und Archäologie am Museum der Stadt Wien.


Produkt-Information

Österreich im Mittelalter

Pichler Verlag Wien
ISBN 3-85431-293-8

Als zweiter Band einer "Geschichte Österreichs" gibt das Buch einen Überblick über die Geschichte Österreichs vom Übergang der römischen Herrschaft zu den Babenbergern bis zum 16. Jahrhundert. 

Einerseits behandeln die Kapitel zeitliche Abschnitte, andererseits behandeln sie thematische Schwerpunkte wie zum Beispiel Lebensorte, Gesellschaftspyramide oder das Wirtschaftsleben.

Das Buch enthält zahlreiche Abbildungen.

Produkt-Information

Wien im Mittelalter

Pichler Edition Wien
ISBN 3-85058-150-0

Der zweite Band aus der Reihe "Geschichte Wiens" umreißt in jeweils einem Kapitel die Babenbergerherrschaft und die Herrschaft der Habsburger bis Maximilian I.

Neun weitere Kapitel beschäftigen sich mit Themengebieten wie Stadtentwicklung, Verwaltung, Justiz usw. Jeweils ein weiteres Kapitel widmet Reinhard Pohanka den Sagen und Legenden sowie den mittelalterlichen Denkmälern im Stadtbild.

Auch hier runden zahlreiche Abbildungen das Gesamtbild ab.


Produkt-Information

Hinter den Mauern der Stadt

Verlag Böhlau
ISBN 3-70080-351-6

Ein lebhaftes Bild der Stadt Wien im Mittelalter zeichnet dieser "Zeitreiseführer". Sowohl die Entwicklung des Stadtbildes als auch Details zu den Bewohnern Wiens werden hier behandelt. 

Reinhard Pohanka geht hier nicht nur auf die Hintergründe mancher Straßennamen ein, sondern gibt uns auch einen Einblick in die unterschiedlichen Lebenssituationen. 

Ein abschließender Führer zu den Kunststätten im heutigen Wien macht Lust auf den ein oder anderen Stadtspaziergang.


Produkt-Information

Eine kurze Geschichte der Stadt Wien

Verlag Böhlau
ISBN 3-20598-919-8

Wie der Titel schon vermuten lässt, beschäftigt sich dieser illustrierte Band mit den einzelnen Epochen in der Geschichte Wiens. 

Eine Zeittafel, die Geschichte der Wiener Bezirke sowie eine Aufstellung der Wiener Landesherren von 976 bis 1918 runden die Informationen neben einer Liste der historischen Bauwerke in Wien ab.

Samstag, 23. Februar 2013

Aufgelesen

 


Wir haben ja begonnen, eine kleine Wien-Chronik für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zusammenzutragen. Natürlich sind die Geschichten das Ergebnis von ausgiebiger Lektüre der Literatur zu Wiens Geschichte. Einerseits lesen und recherchieren wir im Internet, aber hauptsächlich kommen die Informationen aus einer Vielzahl von Büchern - teils in unserem Besitz, teils ausgeborgt von Familie, Freunden, Kollegen oder auch den Leihbüchereien.

Aber nicht nur für die Chronik sind Bücher eine wichtige Quelle.

Sei es um wenigstens ein annäherndes Verständnis des mittelalterlichen Lebens zu erlangen oder Handwerkstechniken nachvollziehen und die Werkstücke herstellen zu können: Bildquellenstudium und das Nachvollziehen der Forschungsergebnisse anderer ist wohl einer der Hauptbestandteile unseres Hobbies.

Wir möchten nun in einer neuen Serie eine kleine Auswahl dieser Bücher vorstellen, um damit auch einen Quellennachweis unserer Informationen zu beginnen.

Der erste Beitrag wird sich mit einigen Büchern Reinhard Pohankas beschäftigen. Soviel sei schon verraten!

Mittwoch, 20. Februar 2013

Frisch vom Riemertisch IV

Da ich in letzter zeit nicht zu allzuviel gekommen bin was das mitteralterliche Handwerk betrifft, nehm' ich mir einfach mal die Freiheit in der Rubrik "Frisch vom Riemertisch" auch mal etwas zu bloggen das nicht gerade frisch ist, sondern schon ein Jährchen auf dem ledrigen Buckel hat:

 
"Die Tage werden wieder länger und auch die Kälte in der Werkstatt wird langsam wieder  erträglicher. Und je weniger die Händ' zittern desto schöner wird das Stück, hat mein alter Meister immer g'sagt. Der letzte Riem ist jedenfalls sehr ordentlich geworden, vor allem die Beschläg' sind schön!
 Außerdem hab ich jetzt einen neuen Lehrbuben, sein Vater der Schuhmacher Karl hat in mir in die Obhut gegeben. Ein ganz schöner Lackel der Bub, kräftig für sein Alter! Im Moment macht er ja noch nicht viel außer Beschläge polieren oder mal ein Lehrstück zu punzieren, aber mit Gottes Hilfe wird aus ihm ein guter Gesell'! Amen!

- Niklas Riemer, Januar 1340 --"

Was kann man zu dem gezeigten Gürtel schon groß sagen, außer dass er rundum recht gut gelungen ist? Nicht viel, ist die Antwort also beschränke ich mich mal aufs Kommentieren der Bilder.


Die Schnalle hier ist von einem recht frühen Typus, der schon im 13.Jhdt aufkommt, das Schnallenblech habe ich mit eingravierten Linien eingefasst und dann noch mit einem Stichel mit quadratischen Querschnitt eine Punktverzierung hinzugefügt.

Der Riemen selber ist mit einer handgemachten Punze geprägt worden, in 2 dicht aneinander liegenden Reihen mit einem schmalen aber deutlichen Randstreifen.


Wie man auf obigen Bild gerade noch so erkennen kann, ist die Riemenzunge hier nicht wie so häufig der Länge nach gefaltet, sondern besteht aus einem breiten Buntmetallblech in Querfaltung. Die Verzierungen sind analog zum Schnallenblech ausgeführt.


Das Bild oben zeigt die Prägungen des Leders recht schön, besonders möchte ich aber die Beschläge herausheben. Sie sind massiv aus Gelbguss, mit mitgegossenen Nietkegeln. Diese werden durch das vorgelochte Leder gesteckt und hinten mit einer Beilegescheibe als Unterlage gegengenietet. Somit ist hier kein Loch in den Beschlägen und auch kein eigener Nagel zur Befestigung notwendig! Obwohl solche Beschläge doch eher die Ausnahme bilden, sind sie doch in fast allen größeren Buntemetall-Fundkomplexen zu finden und mal eine schöne Abwechslung.

So, das war's auch schon mit dem heutigen Stück. Noch einen schönen Tag Euch da draußen!