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Mittwoch, 14. Juni 2017

Niklas der Zechmeister - ein Rekonstruktionsversuch

Prost! Zechmeister klingt ja schwer nach Alkoholiker. Ist es aber nicht, denn in der Tat hießen die "Zünfte" im Wien um 1350 nämlich "Zechen". Und einen Vorsteher so einer Zeche möchte ich mit meinem neuen Rekonstruktionsversuch einer hochgotischen Alltagskleidung angehen.

(1) Wohlhabender Wiener Handwerker um 1350
A wealthy viennese Craftsman aorund 1350

Our english-speaking guests can find an abstract at the end of the article 

Montag, 1. August 2016

Gwand im heiligen Land - Tiroler Mode in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts

Schön nächstes Wochenende ist wieder unsere jährliche Belebung des Museums Tiroler Bauernhöfe am 6. und 7. August, diesmal zusammen mit "Niedertor" aus Südtirol. Und ich darf wieder den Modevortrag halten. 
Weil aber ein Modevortrag über Wiener Mode in Tirol schnell einen bösen Blick, ein zitterndes Lippchen oder gar ein strenges Wort auszulösen vermag, war es für dieses Jahr sinnvoll sich mal auf die Tiroler Bildquellen meines Darstellungsraumes zu stürzen und den Tirolern somit eine Freude zu machen.

Diese Freude beginnt mit einer Enttäuschung .. denn so wirklich anders war die Tiroler Mode zwischen 1300 und 1350 halt nicht. Ähnlich der Wiener Mode (Böser Blick!) würd ich sagen, also von den großen norditalienischen Städten beeinflusst. Wo aber Wien (Zitterndes Lipperl!) nur durch Venedig beeinflusst wurde konnte in der Nähe des wichtigsten Alpenpasses des Mittelalters, dem Brenner, eigentlich ein noch stärkerer Einfluss der großen Metropolen wie Florenz, Genua, Mailand oder Padua erwartet werden.

Tatsächlich ist das auch so, denn während die von mir durchgesehenen und recht zahlreichen Fresken des damaligen Tirol im Malstil sehr stark den südwestdeutschen Fresken gleichen, hat die Mode doch ein paar von diesem Kulturraum abweichende Besonderheiten die ich hier gerne festhalten würde:

-Die Tiroler waren immer schon ein Muster an ...

In der Tat ist die Anzahl der geometrisch aber auch floral gemusterten Kleidungsstücke in den Fresken enorm hoch. Viel höher als in anderen Regionen der südlichen Reichhälfte. Und auch deutlich höher als in Wien! (Strenges Wort!)

Gemusterte Kleidung von 1280 in Gais (links), im 1.Viertel des 14.Jhdt. in Hocheppan (2.v.L.) sowie um 1340 in Brixen

Ob das nun auf eine höhere Verfügbarkeit der vorwiegend in Norditalien produzierten Musterdamaste und -brokate ankam oder einfach einer Vorliebe für mediterrane Lebensfreude zurückzuführen ist vermag ich nicht zu sagen.
 
Gut erkennbar ist auf den beiden rechten Bilder aus der Johannestaufkapelle in Brixen auch eine weitere interessante Modeerscheinung die ich im nächsten Punkt ansprechen möchte:

- Sie pfiffen auf die Sittsamkeit und machten sich an' Schlitz ins Kleid

Tatsächlich ist auf mehreren Fresken eine Suckneiform zu sehen die den den auch in Wien (Leises Rumoren!) oder Süddeutschland gebräuchlichen Überkleidern in den Ärmelformen sehr ähnelt, aber bei der Gestaltung des Rockteils schon sehr speziell ist!
Man hat hier scheinbar die eingesetzten Seitenkeile an ihrer Längsnaht offen gelassen, so dass das darunterliegende Kleidungsstück der Damen (der Rock oder das Kleid, NICHT das Unterkleid!) deutlich sichtbar wird. Einige der Bilder könnte man sogar so interpretieren, dass die Nähte auch längs der Vorderbahn offen gelassen wurden.

Geschlitzte Überröcke (frz. Surcot, mhd. Sucknei) auf den Fresken aus Aufenstein und Brixen

Ein, wie ich finde, sehr schönes kleines Detail das einer hochgotischen Damendarstellung us Tirol so ein klein wenig Pfiff verleiht.

- Da platz einem der Kragen!

Auch wenn Kragen für die Zeit um 1340 nicht ganz ungewöhnlich sind (vor allem in stark von der italienischen Mode beeinflussten Gebieten) ist es doch schön zu sehen dass die Tiroler Mode dieses Detail eben auch zu bieten hatte. Bisher konnte ich Krägen allerdings nur bei Männerkleidung finden. Ob das schon die evolutionäre Vorbereitung auf die Jahrhunderte später zum ewigen Quälgeist mutierte Krawatte war?

Pfarrkirche von Leibling, 1335

Mehr Unterschiede, oder gar spektakulärere, konnte ich leider nicht finden. Ich hoffe daher die Tiroler sind mir nicht all zu bös' wenn ich hier schon schließen muss.

Dienstag, 12. Juni 2012

EINSTEIGER IV - Bilderg'schichten

Als weiteren Schritt auf der Leiter zum ernsthaften Geschichtsdarsteller wollen wir heute die Sprosse der zeitgenössischen Handschriften als Quelle für unserer Darstellung erklimmen.

Handschriften sind neben den archäologischen Zeugnissen, den figürlichen Darstellungen in Form von Statuen und Grabplatten, der Fresko- und Glasmalerei und natürlich den zeitgenössischen Textquellen in Form von Kleiderordnungen, Rechnungsbüchern etc. eine der wichtigsten Grundlagen zur Erarbeitung textiler Rekonstruktionen. Wie bei allen Quellen ist bei der Interpretation natürlich Fingerspitzengefühl gefragt, kaum einmal kann etwas einfach wie abgebildet übernommen werden.

Stets muss man sich ein Vielzahl von fragen stellen .. warum wurde etwas abgebildet ? Was ist rein symbolhaft, was übertragbar ? Wer ist die abgebildete Person und welche Relevanz besitzt die Abbildung für meine Darstellung ? etc .. etc. .. (einen sehr guten weiterführenden Artikel zu dem Thema findet man übrigens bei den Wienischen Hantwerkliuten !)

Trotzdem scheint mir gerade die kritische Auseinandersetzung mit passenden Quellen ein wichtiger Schritt zu sein, um ein Gefühl für die Zeit der Hochgotik zu entwickeln. Außerdem bietet die Beschäftigung mit den großteils geistlich motivierten Quellen auch die wunderbare Gelegenheit sich in die christliche Glaubenswelt des Mittelalters einzuarbeiten.

Also habe ich die für die Darstellung um 1340 bedeutsamsten Handschriften unserer Region herausgegriffen und möchte meinen Besuchern und Lesern so die Möglichkeit geben, bei ersten Rechercheversuchen schon mal die würzige Luft gemalter Geschichte zu schnuppern.

Oberösterreichische Biblia pauperum 1310 - 1320, Stiftsbibliothek St. Florian cod. III 207
Eine recht konservative angelegte, modisch noch stark im 13.Jhdt. fußende Handschrift.
(Link: IMAREAL, Suchbegriff: Bildnummer 003012, dann einfach weiterblättern)


Wiener Neustädter Willehalm-Zyklus, 1320, Österreichische Nationalbibliothek cod. 2670
Modisch meist unspektakulär und sehr typenbehaftet, aber schöne Beispiele für mi-parti Mode.
(Link: IMAREAL, Suchbegriff: Bildnummer 005981, dann einfach weiterblättern)


Schweizerische Liederhandschrift "Manesse", 1310-1315 bzw. 1330
Höfische Mode ! und noch dazu in 2 Zeiträumen entstanden. Relevanz muss zwischen Grundstockmaler und Nachtragsmalern unterschieden werden, die Nachtragsmaler sind für uns eher von Bedeutung.
(Link: www.manesse.de)

Wiener Biblia pauperum, 1330 - 1340, Österreichische Nationalbibliothek cod. 1198
Neufassung der St.Florian-Handschrift (siehe oben), immer noch recht konservativ aber in einigen Details dem Geschmack des Entstehungszeitraums angepasst.
(Link: IMAREAL, Suchbegriff: Bildnummer 005436, dann einfach weiterblättern)


Österreichisches (?) Speculum Humanae Salvationis 1330 - 1340, Österreichische Nationalbibliothek cod. s.n.2612
Schön illustrierte und sehr repräsentative Handschrift ohne Modetorheiten.
(Link: IMAREAL, Suchbegriff: Bildnummer 007159, dann einfach weiterblättern)


Niederösterreichische Concordantiae caritatis, 1349 - 1351, Stiftsbibliothek Lilienfeld cod. 151
bedingt durch die Entstehungszeit ist hier bereits Vorsicht geboten, teilweise schon sehr extravagant.
(Link: IMAREAL, Suchbegriff: Bildnummer 003884, dann einfach weiterblättern)


Andere Handschriften, wie der "Lutrellpsalter" oder der "Alexanderroman" des Jehan de Grise, sind mit Sicherheit prächtigere Arbeiten der mittelalterlichen Buchmalerei, doch trotz ihrer zeitlich passenden Einordnung ist schon deutlich mehr Fingerspitzengefühl nötig um sie richtig zu interpretieren oder gar umzusetzen. Deshalb, Schuster bleib bei deinen Leisten .. und wir bleiben bei dem was unsere Region zu dem Thema abliefert.

Also, auf die Plätze, vor die Monitore und fröhliches Klicken .. es gibt viel zu Entdecken !

Montag, 4. Juni 2012

EINSTEIGER III - Wo krieg' ich das ?


Nun kommen wir also zum Beschaffungsartikel, für alle Kauflustigen sicher der schönste Teil der Einsteigerserie. Für diejenigen die eher unter Geldmangel leiden mag es schmerzhafter werden, aber, naja, da muss man durch.

Heutzutage ist es eigentlich schon recht einfach geworden, sich eine Anfangsausstattung zuzulegen, die meisten Dinge sind schon in brauchbarer Qualität zu kaufen. Selbermachen muss in der Basisversion eigentlich nur mehr der, der 1.) Geld sparen und/oder 2.) einfach gerne selber basteln will. Gerade 2.) ist aber eigentlich schon fast eine Grundvoraussetzung für eine illustre Karriere als Geschichtsdarsteller.

Ich gehe jetzt einfach mal salopp davon aus, dass die passende Literatur vorliegt, die Luxuskörper vermessen sind und schon die ersten Schnittvorlagen entwickelt und zu Papier gebracht worden sind.
Wir kommen also zu Punkt 1 unseres Einkaufszettels:

Stoffe - für bruoch, hosen, pfait und kitel sowie der Frauen Kopfbedeckung:
Kleidung besteht nun mal aus Stoff, also muss dieser beschafft werden. Es kommen in unserem Fall natürlich nur reine Naturstoffe in Frage und da die Farbgebung beim Pflanzenfärben eine deutlich andere (und auch deutlich schönere) ist als bei der chemischen Färbung wollen wir uns auf diese Art von Textilien beschränken. Dafür gibt es einige Möglichkeiten:

Wamdmalerei aus Konstanz, ca. 1320

- Naturtuche
führt Leinen, Seide und Wolle in allen erdenklichen Qualitäten für die spätere Pflanzenfärbung
- Färbehof
Der Name ist Programm, pflanzengefärbte Woll- und Seidenstoffe in verschiedenen Qualitäten.
Da wir von einer einfachen Darstellung ausgehen, würde ich bei Stoffen mit Einfachfärbung bleiben
- Bockscher Handwerksladen
Auch hier ein paar pflanzengefärbte Stoffe, ein großer Vorteil ist, daß man Renata Bock immer wieder mal auf Märkten antrifft oder selbst im Laden vorbeischauen kann. Außerdem bietet Renata ein spezielles Service an, das bei weitem nicht alltäglich aber für extreme Textillegastheniker schon recht nett ist: Sie näht mittelalterliche Kleidungsrekonstruktionen als Auftragsarbeit. Alles in Handnaht, Maßnehmen und Zuschnitt, pflanzengefärbte Stoffe und somit wenig bis gar kein Aufwand, allerdings natürlich auch eine Kostenfrage !

Bei der Stoffbestellung bitte auch auf die entsprechenden Garne achten, irgendwie muss man den Stoff ja auch zusammenkriegen. Außerdem wird das Garn auch für die nestel benötigt !

Bildquelle: www.manesse.de

Gürtel - der rieme:
Beim Gürtel ist gemäß der einfachen Darstellungslinie auch ein einfaches Modell zu wählen. Gürtel sind eigentlich auch etwas das mit gewissem Arbeitsaufwand selber gemacht werden kann, aber da man dafür Materialien aus verschiedensten Quellen, gute Fachliteratur und auch das entsprechende Werkzeug braucht werde ich zu einem späteren Zeitpunkt dazu noch einen eigenen Artikel schreiben. Wir bleiben daher vorerst beim Kauf:
- Lorifactor
Die Polen bieten auch recht einfache Modelle ohne aufwändige Punzierungen oder vielen Beschlägen, also genau das Richtige für die einfache Darstellung. Die angegebenen Datierungen sind eigentlich recht zuverlässig. Da ich meine Gürtel selbst baue, kann ich leider keine Erfahrungen aus erster Hand weitergeben, aber auf den Bildern sehen die Stücke gut aus.
- Tod's Stuff
Der Name wird euch in Laufe der Jahre in der Darstellungsszene immer wieder unterkommen, da gibt es an persönlicher Ausrüstung eigentlich so gut wie alles. Ein echtes Eurograb, oder, in dem Fall, Pfund. ;-)
Ich habe eine Armbrust von ihm und kann sagen: "Der Mann ist gut !"

Fresco von A. Lorenzetti, ca. 1338-1340
Schuhe - die schuohe
Man sollte es nicht glauben, aber bei der Darstellung sind Schuhe eigentlich das größte Problem. Wirklich gute Wendeschuhe in erstklassiger Verarbeitung sind dünner gesät als man glauben würde.
- Meister Knieriem
Maßschuhe in Topverarbeitung, Schuhe die wie eine 2. Haut passen, echt zum schwärmerischen Niederknien .. aber auch mit dem entsprechenden Preis. Hier muss man nur noch die Qual der Wahl erdulden und sich ein schönes, einfaches Modell oder für Selbstbastler einen Bausatz aussuchen. Absolute Kaufempfehlung von mir !
- cp-Schuhe
Christian Pohen bietet zwar auch eine Luxus-Lederwaren-Serie, aber interessant dürfte hier eher die W-Wendeschuh Kategorie sein, billiger als Knieriem - sowohl im Preis als auch der Machart. Für Einsteiger und deren erste Saison OK würde ich sagen.

Stecknadeln für die Frau - nâdele
Kurz gesagt, entweder Messingdraht aus dem Baumarkt und selbst machen,oder ..
- Reenactors

Zu guter Letzt - der hût
Beim letzten Punkt auf unserer Liste wird nochmal interessant, gute Filzhüte sind rar.
Auf fast jedem "Mittelaltermarkt" (also diesen Kostümveranstaltungen, die viel mit Rapunzel aber wenig mit der namensgebenden, historischen Epoche zu tun haben) steht irgendwo ein Stand mit Filzwaren herum. Ebenso auf den meisten Weihnachtsmärkten. Einfach ein entsprechendes Bild aus IMAREAL ausdrucken, mitnehmen und die Leute um das entsprechende Modell fragen. Bestellen.
Bezahlen. Lieferung abwarten. Fertig. Wenn es schnell ein neuer Hut werden soll, geht zur Not auch ..
- Vehi Mercatus 

So, damit wären wir mit dem virtuellen Einkaufsrausch auch schon durch, jetzt bleibt nur noch ...
... bleibt meinem Blog gewogen, es werden noch viele Detailartikel für EINSTEIGER folgen
... Viel Glück beim Schneidern und Werken
... wir sehen uns demnächst im 14.Jahrhundert