Mittwoch, 15. August 2012

Bachritterburg 2012 - eine andere Sichtweise


Hmmm? 4 Tage mittelalterliche Burgbelebung? Durch die überschäumende Begeisterung meines Mannes dazu motiviert, planten wir also einen Teil unseres Jahresurlaubes für die Belebung der Bachritterburg.

Ich schaute dem ganzen eher skeptisch entgegen. 4 Tage mit einer 4jährigen und einer 9jährigen auf einer Burg. Schlafen auf Strohsäcken, den Wetterverhältnissen wahrscheinlich wenig angepasste Kleidung (wer trägt schon gerne Wolle über Leinen bei 36 Grad), minimale sanitäre Ausstattung und ein Ausblick auf elende Langeweile (für die Kinder) und die ständigen skeptischen Fragen „und was machen wir da?“. (Ehrlich gesagt, hatte ich schon mal sicherheitshalber nach einem „Notquartier“ gegoogelt!) Also erst mal „Spielsachen“ zusammensuchen. Einer Sammlung unserer historischeren Spielzeuge widmen wir mal einen eigenen Eintrag. Ergänzt wurde diese um unlackierte Bausteine, Wolle und Stoffreste und die Aussicht auf andere Kinder. Für mich selbst gab es ja genug Arbeit, aber ob ich auch dazu kommen würde?


Und dann der erste Tag. Für die Kinder – zu diesem Zeitpunkt noch ohne Spielgefährten – war mal die Erkundung der Umgebung angesagt. Durch die Abgrenzungen ein recht kindersicheres Areal, brauchte ich mir darüber nicht viele Gedanken zu machen. Also ab zum Küchendienst. Dass ich mich nach den 4 Tagen wie Selchfleisch fühlen würde, war mir ja klar. Zu meiner großen Überraschung kam auch meine Große helfen, hat Birnen geschnitten und Mandeln geschält. Die Kleine war auch gut beschäftigt, und unser aller Mühen wurde mit einem Bad in einem nahegelegenen See belohnt. Die erste Nacht mit den Mädels in einem kleinen Doppelbett (mit Strohsackmatratze) war wenig entspannend, aber daran konnte man ja arbeiten.


Die Palatschinken zum Frühstück (Verzeihung – Pfannkuchen natürlich!) ließen das Herz meiner Kleinen höher schlagen und die Große freute sich schon auf die Neuankömmlinge. Bevor ich mich wieder dem Küchendienst widmete, konnte ich noch meine Stickerei erneut auf den historischen Rahmen aufziehen und die unterschiedlichen Tätigkeiten rundherum, sowie viele tolle Gespräche zum Erfahrungsaustausch und das Bewundern und Analysieren von Hab und Gut der Anderen, ließen die Zeit recht kurz werden.

Bald hatte ich mich an das viertelstündliche Schlagen der Turmuhr des nahen Kirchturms gewöhnt, und konnte recht gut einschätzen, ob es nun 11:30 oder schon 13:30 war. Uhr, Handy, Laptop oder gar Fernseher gingen nicht mal den Kindern ab (Na gut, ab und zu gab es für die Große eine „Nintendo-Pause“ im Auto.). Naja, die 4 Schläge zur vollen Stunde und die 2 Schläge für 2 Uhr nachmittags hatten für mich schon einen eigenen Reiz – das gebe ich zu! Da öffnete nämlich das kleine Cafe im Burghof und wir durften „Pause“ vom Mittelalter machen, und uns an Kaffee und köstlichen Kuchen – oder im Falle der Kinder an einem guten Eis – gütlich tun! (Was jetzt bitte nicht heißen soll, daß unser Essen nicht gut war! Wir wurden – wie immer bei MiM – ausgezeichnet verköstigt! Aber Koffein nach einer unruhigen Nacht und dann diese Himbeertorte…)


Ich lernte Nadelbinden (und komme damit auch ganz gut voran; ein Grund, warum ich meinen Almosenbeutel derzeit ein wenig stiefmütterlich behandle; aber die Strümpfe für meine Mädels für die Veranstaltung in Hartberg sind mir gerade wichtiger), konnte endlich die Seidengarne in natura anschauen, die ich nun bald bestellen würde, sah, daß die Tätigkeit des Netzens nun doch nicht so kompliziert war, wie das Endergebnis vermuten läßt. Ich lernte einiges über die Küche im Mittelalter und noch vieles mehr.


Die 4 Tage vergingen wie im Flug. Und mit einem lachenden und einem weinenden Auge nahmen wir Abschied von der Bachritterburg. Auf der einen Seite hätte es für mich nicht länger dauern müssen. Zu vieles passt an meiner persönlichen Ausrüstung noch nicht. Da möchte ich lieber nun über den Winter daran arbeiten – ich brauche ein dünneres Leinenkleid und ev. noch eine Chemise – wenn ich sie belegen kann. Außerdem ein dünneres Wollkleid und noch einiges für meine Handarbeitsuntensilien.
Andererseits waren das 4 wunderbar erholsame Tage. Weit ab von den alltäglichen Gedanken um Arbeit, Familie und Haushalt. Reduziert auf das hier und jetzt (und eventuell noch das morgen). Keine Katastrophennachrichten oder politischen Querelen, wo man sich trotz aller aufgebrachter Gleichgültigkeit so seine Gedanken macht. Nur schauen, ob es den Kindern gut geht oder man mal lenkend eingreifen sollte, den Mann – mangels weiterem Färbegut – davon abhalten, selbst noch in das Indigo-Bad zu steigen, nachfragen, ob man denn in der Küche helfen kann oder überlegen, wie man die Zeit bis zur nächsten tollen Mahlzeit am nützlichsten verbringen kann.

Der nächste Aufenthalt auf der Bachritterburg ist jedenfalls schon „gebucht“. Und diesmal sehe ich dem schon eher freudig und gelassen entgegen. Zwar stellen sich andere Herausforderungen (alleine der Termin zwingt uns zu ausgefeilter Planung), aber ich denke, die 4 Tage werden es wert sein!

Eure Sophia

Bachritterburg August 2012

Als Geschichtsdarsteller steht bei den Ferientagen eigentlich auch immer die Entscheidung an: Mittelalterveranstaltung, Bildungsreise oder doch Urlaub mit Freunden? Glücklicherweise ist manchmal auch sprichwörtlich alles möglich, und die Tage auf der Bachritterburg hatten von Alledem jede Menge!


Und das nicht ganz zufällig, die von MiM geplante und durchgeführte Veranstaltung war von vornherein als zwang- aber eben nicht inhaltsloses Treffen von Freunden und Bekannten mit gemeinsamem Spaß an historischer Darstellung ausgelegt. Wie beabsichtigt hatten wir die Bachritterburg, abgesehen von gelegentlichen und fast zufällig wirkenden Besuchern, die ganze Zeit über ganz für uns.
Und ich kann sagen, die Bachritterburg ist ein verdammt schöner Spielplatz für Erwachsene mit historischem Darstellungsbedürfnis! Gut gelegen, mit Mühen und viel Hingabe in nächster Nachbarschaft zum ständig schlagenden Turmuhrwerk errichtet, ist es ein Objekt das uns Hochgotiker wirklich träumen lässt. Und bevor ich jetzt zu den wenigen Wermutstropfen der Anlage komme, sei mir eine Feststellung erlaubt:

So eine großartige Kulisse wie die Bachritterburg gibt es für Geschichtsdarsteller des Mittelalters in Österreich nicht. PUNKT. Nein, besser RUFZEICHEN! Oder gleich zwei!!

Was man in Kanzach da auf die Beine gestellt hat wird für uns hier wohl für immer ein Wunschtraum bleiben, viel zu selbstzufrieden sind wir in unserem ach so "kulturellem" Land längst mit halbherzig begaukelten Burgruinen, mitleiderregenden Renaissanceschloß-Kommerzfesten und unmusealen, zu Tode geblödelten Museumsmärkten.
Aber auch im Paradies gibt es seine Tücken. Natürlich hat auch ein ambitioniertes Bauprojekt seine historischen und leider auch modernen Fehler. So einen fein gepflasterten Burghof hätte sich wohl kein damaliger Lehnsträger für seine kleine Sumpfburg gegönnt und auch manch ein Gebäude scheint einer Nutzung zu unterliegen die für die baulichen Gegebenheiten doch etwas wunderlich erscheint. Aber was soll‘s, dafür sind die Räume historisch passend spartanisch eingerichtet (Hier ein „Nein“ an alle Antikendarsteller, es ist nicht die zeitgemäße Ausstattung eines griechischen Stadtstaates gemeint). Einfache Betten (und davon korrekterweise recht wenig), Tische und Bänke (und eben keine Lehn- oder gar, Herr erbarme dich, Steckstühle) und eine handvoll Truhen, das war‘s. Herrlich! Na gut, ein paar Wandhaken oder das eine oder andere Regal hätte man sich noch gewünscht, aber der Gesamteindruck passt.
Bleiben noch die modernen Fehlgriffe, die sind zwar immer noch weniger als im Durchschnittszelt des typischen Markttemplers aber gerade vor solcher Kulisse umso ärgerlicher. Warum man den Burghof mit Heurigengarnituren bestücken oder eine Speiseeiskarte an ein wahrscheinlich mühsam rekonstruiertes Tor nageln muss ist mir auch nach längerer Überlegung immer noch ein Rätsel.
Aber genug der miesen Miene und auf zur Frage: Was tut man jetzt all die Tage die man kaserniert mit anderen Verrückten auf einer kleinen Holzburg zu verbringen hat ?

Nun, bevor ich dazu komme was man tut erst mal das was man nicht tut, nämlich sich langweilen.
Ständig herrschte angenehm hektische Betriebsamkeit. Meter um Meter Stoff wurden gefärbt nur um gleich danach gegen Gürtel getauscht zu werden. An allen Ecken wurde gewerkt, und das neben detaillierten Erläuterungen für die -zugegeben in nummerischer Unterzahl angetretenen- wissenshungrigen Besucher.


Zum Färben muss ich ja wohl noch extra schreiben, bisher fand ich das Pflanzenfärben ja für die grundsätzliche Kleidungsausstattung ganz nett, aber die Begeisterung vieler konnte ich nicht teilen. Dann kam die Bachritterburg und ein Kessel voll mit gelber Suppe mit blauen Blasen oben drauf. „An sich nicht uninteressant“, dachte ich und als das erste Tuch grünfleckig und voller Schlieren aus dem Kessel kam folgte ein gedankliches „Na toll, so ein Dreck!“. Und dann, na dann kam das Schwupps. Das Schwupps ist für die noch nicht beim Färben mit Indigo Dabeigewesenen schwer erklärbar, aber der gründreckige Stoff wird an der Luft blau, und zwar richtig mächtig blau. Dass man danach mit dem knallblauen Tuch noch in den eiskalten Bach hüpfen kann war eigentlich nur mehr das Schlagobergupferl (Übersetzung: Sahnehäubchen). Und ab jetzt .. ich liebe Blau!


Dann ist da natürlich noch das Fachsimpeln, von gemütlichem Geplauder, über faszinierende Literaturtipps bis hin zu erregten Debatten über Quellenlagen war eigentlich alles dabei. Man fühlt sich als Geschichtsdarsteller ja oft intellektuell vernachlässigt wenn der typische Marktbesucher auf alles was man sagt mit einem lakonischen „Aha“ reagiert und nach dem vierten Schachtelsatz die Ohren zuklappt. Mitstreiter auf der Reise ins 14. Jahrhundert sind da ungemein fruchtbarer, statt „Aha“ kommt da eigentlich meist ein erfreutes „Ja,genau! .. aber ..“.


Und dann noch das Essen, und damit meine ich eigentlich Essen in Großbuchstaben. Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen behaupte ich mal unser MiM-Küchenteam gehört zum Besten was die Szene gesehen hat. In größter Mittagshitze wurden da Pasteten zubereitet, unter Gefahr des Lungeninfarkts frische Forellen geräuchert oder während typischer Frühaugusttemperaturen herzhaftes Brot gebacken. Wären die Tafeln nicht so massiv gewesen bin ich augenzwinkernd überzeugt sie hätten sich durchgebogen! Das Gewicht der omnipräsenten Fliegen hätte dazu noch beigetragen, aber für die Mistviecher kann eben je nach Gesinnung nur der Himmelvater, die Erdmutter oder Hr.Travnicek aus dem Nachbarhaus etwas.

Was fehlt noch ? Ach ja, schlafen. Na gut, schlafen tut man nicht sehr viel, schließlich kann man die halbe Nacht noch Zeit damit zubringen endlich mal wieder Privates zu plaudern und das Leben unter Freunden bei einem Becher Wein zu genießen.

Ach was bin ich froh (und meine Leser sicher auch), dass ich erst jetzt blogge, wo doch schon wieder ein paar Tage vergangen sind. Noch auf der Rückfahrt nach Österreich war der gedankliche Blogeintrag anhand der vielen Eindrücke nämlich geschätzte 37 mal so lang.


Es bleibt mir also nur ein großes, aus tiefstem Herzen kommendes Dankeschön an das engagierte Bachritterburgteam und natürlich an die Mädels und Jungs, die Freunde und Freundinnen, die Mitstreiter und Weggefährten, also an all jene die diese Tage mit uns geteilt haben!

Ich komme sicher wieder!
Euer Niklas

Dienstag, 24. Juli 2012

Geht noch was aus Knochen? .. Klar!

Nachdem ich wie schon ein paar Mal erwähnt gerade in meiner Knochenverarbeitungsphase bin (hier oder hier und dann noch hier), einfach mal ein weiteres Stück das zu meinen absoluten Lieblingen gehört - mein Essmesser !


Die Klingenform des Messers mit ihrem Einzug zum Griff hin ist einer Abbildung entnommen taucht aber, wenngleich eher selten, auch im Fundgut auf.
Bei der Bauweise handelt es sich wie um 1340 üblich um ein Griffangelmesser, das heißt die Klinge endet in einem mittig angesetzten Dorn -die besagte Angel- welcher den Griff aufnimmt.

Diese Angel wird dann bei einfachen Messern einfach mit einem hölzernen Griffstück, dem Heft, bestückt oder in abwechselnder Reihenfolge mit Plättchen aus den verschiedensten Materialien versehen. Weitere Ausführungen zur Plättchentechnik sind unter Werdegang eines Messers auf diesem Blog zu finden.

In diesem speziellen Fall habe ich auf Holz als Material für das Heft gänzlich verzichtet. Neben Trennplättchen aus Leder und Messing habe ich hier als Hauptmaterial ausschließlich Rinderknochen verarbeitet. Dies geschah einerseits aus einer gewissen Vorliebe für das Material Knochen an sich als auch aus dem Wunsch heraus eine möglichst helle Farbe für das Heft zu erhalten.


Alle verwendeten Plättchen hatten bei diesem Messer eine langrechteckige Grundform. Erst nach dem Vernieten der Angel habe ich die Kanten der Plättchen gemeinsam überarbeitet, angefast und so den jetztigen achteckigen Querschnitt des Hefts ausgeformt.

Danach wurde das Messer noch mit einer passenden Scheide aus Bovinaeleder versehen. Bei dieser Scheide ist, für das am Angelansatz sehr schmale Messer, ein assymetrischer Griffteil ausgeprägt worden. Einfache geometrische Kerbverzierungen schmücken die Lederscheide.



Montag, 23. Juli 2012

Und noch ein Knochenjob !

Was tut ein liebevoller Geschichtsdarsteller wenn seine Liebste gerne Nadelbinden möchte?

Keine Frage eigentlich, er deutet die zarten, kaum wahrnehmbaren Hinweise und Andeutungen seiner Angebeteten richtig und ahnt bereits auf ein liebevolles "Ich brauch eine Nadelbindungsnadel, etwa so wie die da" sofort, dass sein verehrter Herzensmensch ein Bedürfnis an einer historischen Reproduktion hat.

Und weil der Autor nun in ebendieser Position ist und nicht wie ein berühmteres, historisches Vorbild auf halber Höhe zwischen Terrasse und Schlafzimmerfenster, dem Spott preisgegeben, in einem Korb hängen will, macht er sich an die Arbeit.

Die Arbeit an der Nadel selbst nahm jetzt allerdings auch kaum mehr Zeit in Anspruch als die Verfassung oben stehenden Absatzes. Ich hatte noch einen Knochenstab als Rest, etwas stärker als der aus dem damals die Pinzette entstand. Den Stab rund zu feilen und das Loch zu bohren war keine Hexerei, dann noch etwas polieren und fertig war sie - hier also Sophias Nadelbindungsnadel !

Knochennadel mit ovalem Querschnitt, an der dicksten Stelle etwa 5.5 x 8mm, Länge ca. 100mm

Als Ergänzung zur Einleitung und falls meine Leser es noch nicht wissen sollten: Ein Mann macht eigentlich nur dann etwas richtig wenn er seiner Frau mehr gibt, als sie haben wollte !

Aus diesem Grund habe ich der Knochennadel einfach noch 3 kleine Geschwister aus Messing beigegeben, gefertigt sind die 2 linken Nadeln aus 0.8mm Messingdraht während die Rechte versuchsweise aus einem 0.5mm Messingdraht entstand. Die Nadelöhre hab ich, wie bei den meisten meiner Nadeln, geschlagen statt gebohrt. Die Nadelspitzen sind zugefeilt.

Bleibt zum Schluss nur die Frage .. bei all dem Handarbeitszeug, das ich für meine Frau mache .. warum muss ich eigentlich mein Gewand immer noch selber nähen ? Antwort darauf gibt's auch .. hier !

Samstag, 21. Juli 2012

Mensch vs. Maschine

Jeden, der sich unter diesem reißerischen Titel jetzt händereibend auf einen Exkurs über präastronautische Flugobjekte in der Tafelmalerei des Spätmittelalters gefreut hat, muss ich leider enttäuschen. Die Liebhaber klassischer Literatur hingegen könnten verwundert sein, dass sich hinter dem Titel kein Psychogramm des Konfliktes zwischen Don Quichote und einer seiner Windmühlen verbirgt.

Vielmehr möchte ich meine Überlegungen zum Thema Handnaht im Gegensatz zu mit der Nähmaschine gefertigter Kleidung festhalten, zu meiner Überraschung sind das doch einige Punkte:

-Zeitwahrnehmung
Um den Zeitaufwand bei der Anfertigung von Kleidung zur Zeit der Hochgotik wirklich zu verstehen sollte man sich einfach die Mühe machen auch historisch zu arbeiten. Da es keine mir bekannten, akkuraten Überlieferungen über die Vorgangsweise der ersten Schritte von Tuch zu Gewand gibt, sind wir hier schon mal auf Spekulationen angewiesen.
Das beginnt beim Maßnehmen ohne ein modernes Schneidermaßband - Knotenschnüre wären hier eine vermutete Möglichkeit. Die Übertragung der Maße auf den Stoff erfolgte vermutlich durch eine Art von Vorzeichnung, vielleicht mit Kreide oder Kohle. Solche Vorzeichungen mit Kohle sind aus der Bildstickerei jedenfalls gut belegt. Beim Zuschnitt selbst ist man schon auf sichereren Beinen unterwegs. Scherenfunde gibt es zuhauf und auch Abbildungen sind zahlreiche zu finden.

Der Hl. Franziskus beim Schneidern seines Gewandes
(Quelle: The Taymouth Hours, British Library)

Bis zu diesem Arbeitsschritt war die Arbeit zwar ein wenig umständlicher, aber durchaus mit dem heutigen Ablauf für Schnittentwicklung und Zuschnitt gleichzusetzen. 
Nun beginnt aber die eigentliche Näherei und da werden dann die Unterschiede deutlich. Und das recht heftig, denn es liegen zahllose Meter winziger Nadelstiche vor einem. Allein das Versäubern eines eigentlich bereits tragbaren Kleidungsstücks nimmt immer noch Stunden in Anspruch! Kein Vergleich mit dem Runterradeln von Nähten an einer Nähmaschine.

Und genau das macht den ersten Punkt aus. Durch die Aufwendung all dieser Arbeitsstunden erfährt man aus erster Hand den deutlichen Wertgewinn von Tuch zu fertigem Gewand!

-Nahtarten
Wer sich gefundene Originale ansieht oder die entsprechenden Publikationen dazu liest, findet schnell heraus, dass die meisten historischen Nähte gar nicht mit einer Maschine hergestellt werden können.

Damals wurden alle Säume, an der Außenseite nahezu unsichtbar, auf Links genäht, also anders als die heute bei vielen Kleidungsstücken üblichen, einfach durch alle Stofflagen durchgesteppten Säume.
Kappnähte kann man zwar mit manchem Nähmaschinenzubehör erreichen, aber gewisse Nähtechniken z.B. Überwendlingstiche liegen außerhalb der üblichen maschinellen Methoden.
Weiters wurde die Versäuberungen von Stoffkanten auf mannigfaltige Art durchgeführt, keine der Methoden jedoch gleicht dem modernen Endeln oder der Arbeitsweise von Overlocknähmaschinen.

Außenansicht einer Naht in Vorstichtechnik mit Versäuberung

Zusammenfassend ist zu sagen, es gibt Nähte und Arbeitsschritte die einem eine Nähmaschine abnehmen könnte ohne dass es zu einer optischen Beeinträchtigung des Kleidungsstücks kommt, für den Großteil ist das jedoch unmöglich.

-Nahtmaterial
Unter Nahtmaterial möchte ich die Nähutensilien zusammenfassen, also Nadel und Faden.
Historische Nähnadeln haben alleine schon durch ihr Material eine andere Handhabung als moderne Stahlnadeln. So neigen Messing- oder Eisennadeln dazu mit der Zeit durch den Hautkontakt eine Patina zu bilden die eine raue Nadeloberfläche schafft und ein gelegentliches Nachpolieren nötig macht. Knochen- oder Geweihnadeln haben diesen Nachteil nicht, hier ist das Hauptproblem das spröde Material, welches bei unvorsichtiger Nadelführung zum Abbrechen der Nadel im Bereich des Öhrs führen kann. All diese fühlbaren Unterschiede führen zu einer deutlich "persönlicheren" Wahrnehmung der Nadelführung als bei einer rhythmisch tackernden Maschinennadel.
Der zweite Teil des Nahtmaterials ist der Faden, und erst hier beginnt sich die Nähmaschine endgültig  selbst ins Abseits zu stellen. Der Grund hierfür ist einfach - eine Nähmaschine ist für die Verwendung standardisierter Nähseiden ausgelegt. Will ich aber historisches Material verwenden muss von handgesponnenem Leinengarn über Wollfäden verschiedenstes Fadenmaterial verarbeitet werden. Eine Maschine kann die dafür nötige gefühlvolle Fadenspannung einfach nicht aufbringen, von den maschinenbaulichen Problemen bei unregelmäßigem oder knotigem Fadenmaterial mal ganz abgesehen.

Handgesponnener Leinenfaden

Als Fazit mag gelten: Während die Nadel nur die Empfindung des Nähvorgangs beeinflusst, wird die Verwendung historischen Fadenmaterials in den meisten Fällen zum Ausschlusskriterium für Nähmaschinen.

-Generelle Optik
All die oben angeführten Punkte mögen sich einer von Weitem durchgeführten Inspektion noch entziehen, doch mit historischen Nähten gefertigte Kleidungsstücke fallen auch anders als moderne. Je nach verwendetem Fadenmaterial oder der eingesetzten Nahtart fällt das Kleidungsstück völlig anders als bei einer Maschinennaht.
Generell ist hier zu beobachten, dass historische Handnähte im Allgemeinen weitaus steifer sind als moderne Maschinennähte. Vor allem der Einsatz von Kappnähten und die aufwändige Versäuberungstechnik von in Vorstichen gefertigten Nähten verändern den Fall des Stoffes und somit die Optik des getragenen Kleidungsstückes entscheidend.

Um den gesamten Artikel nach all den umständlichen Formulierungen und geschraubten Sätzen zusammenzufassen:

Der Einsatz von Maschinen bei der Rekonstruktion historischer Kleidung ist in einem stark eingeschränkten Bereich möglich, bleibt aber auf so wenige Anwendungsgebiete beschränkt, dass sich der Einsatz kaum lohnt.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Fundstück der Woche .. Woche XXIX

Ohne damit wirklich eine verlässliche Serie begründen zu wollen (wer weiß, ob mir bei so was nicht irgendwann das Material, die Zeit oder die gar die Lust ausgeht) nun also das neue Fundstück der Woche.

Wieder eine Primärquelle, statt Schnitzerei aber diesmal Buchmalerei. Es handelt sich bei dem Stück um eine Miniatur aus einem Traktat über die 7 Todsünden, gemalt vom Meister des Cocharelli-Codex in Genua um 1330.

Quelle: British Library (www.bl.uk)

Was macht das Bild aber jetzt eigentlich zum Fundstück der Woche? Nun, abgesehen von der künstlerischen Qualität im Allgemeinen und der hervorragenden Abbildungsgenauigkeit einer protorenaissance Arbeit im Speziellen, ist es das Ding in der Hand des Mannes ganz rechts, eine Paternosterkette.

Abbildungen von Männern mit solchen Gebetsschnüren sind mehr als nur dünn gesät, hochgotische Abbildungen kannte ich bisher keine Einzige !

Das der abgebildete "Paternoster" mit seinen weißen Hauptperlen und den hervorgehobenen, roten Perlen sehr meiner eigenen Paternosterschnur ähnelt, hat die Freude über den Fund natürlich noch etwas verstärkt. Es ist jetzt einer der seltenen Fälle von "Zuerst gut vermutet - dann gut gebaut - Uff, endlich eingermaßen belegt".

Montag, 9. Juli 2012

Sticktechnik des Almosenbeutels in Gobelinstich

Hier nun ein paar Worte zur Sticktechnik. Beim versetzten Gobelinstich hat man ja mehrere Möglichkeiten ihn auszuführen - vorallem wenn die Stichlänge nicht immer gleich ist (diese Form wird in der Literatur oft auch als ungarischer Stich oder Bargello-Stickerei referenziert). Nun war es bereits im Mittelalter natürlich so, dass das Material oft sehr wertvoll war und man versuchen musste, möglichst sparsam damit umzugehen. Da die Seidenfäden auch heute noch nicht unbendigt zu den Schnäppchen zählen, fällt es mir nicht schwer, auch hier die sparsame Stickerei auszuprobieren.

Auf der folgenden Skizze möchte ich kurz darstellen, wie ich den versetzten Gobelinstich arbeite:

Schema für versetzten Gobelinstich
bei gleicher Stichlänge

Ich bin überrascht, wie schnell einem das zur Routine wird. Lediglich bei den letzten Stichen mit einem Faden gehe ich zu einer anderen Variante über, um genug Schlaufen auf der Rückseite zum Durchziehen des Fadenendes zu haben. Im folgenden Schema soll die rote Linie das Fadenende an der Rückseite darstellen.

Stichschema bei unterschiedlicher Stichlänge

Und dann sieht die Arbeit von der Rückseite her so aus:

Rautenmuster von der Rückseite

Leider habe ich kein ganz optimales System gefunden, das Rautengerüst anzugehen. Daher scheinen immer wieder mal längere Fäden auf, wenn ich in eine andere Reihe wechsle. Ich hoffe, die kommen mir dann beim Ausfüllen der Kästchen nicht zu sehr in die Quere. Aber rein prinzipiell bin ich schon sehr zufrieden!

Und hier zur Erinnerung, wie das Muster von vorne aussieht.